Entscheidungsreife: vor dem Angebot wissen, was Sie kaufen
Warum IT-Projekte an der Entscheidung scheitern, nicht an der Technik
Der Moment, in dem sich zeigt, wie gut ein IT-Vorhaben vorbereitet war, ist selten der Projektstart. Es ist die Sitzung, in der jemand fragt: Warum genau dieser Weg und nicht der andere? Wer das nur beantworten kann, solange ein Ansprechpartner des Anbieters mit im Raum sitzt, hat kein Wissensproblem.
Er hat eine Entscheidung mitgetragen, die nie richtig getroffen wurde.
In unseren Gesprächen fällt dazu regelmäßig ein Satz, der immer ähnlich klingt: “Ich konnte damals nicht beurteilen, was wir da kaufen.” Er kommt nicht von Leuten, die schlecht gearbeitet haben. Er kommt von Leuten, die ein Verfahren durchlaufen haben, in dem die Entscheidung schlicht nicht vorkommt.
Dieser Beitrag erklärt, was Entscheidungsreife bedeutet, an welchen vier Stufen Sie selbst prüfen können, wo Ihr Vorhaben heute steht — und was wir dafür inzwischen als eigene Leistung anbieten.
Der übliche Weg überspringt die Entscheidung
Der Ablauf, den wir im Mittelstand am häufigsten sehen, hat vier Schritte und wirkt in jedem einzelnen davon vernünftig. Ein Fachbereich meldet einen Bedarf. Die IT schreibt daraus eine Anforderungsliste und holt Angebote ein. Es kommen sechs Angebote zurück, die niemand vergleichen kann, weil jeder Anbieter die Liste anders gelesen hat. Am Ende entscheidet der Einkauf über den Preis, weil der Preis das einzige Kriterium ist, das sich sauber nebeneinanderstellen lässt.
Der Fehler steckt nicht in einem der vier Schritte. Er steckt darin, dass zwischen Schritt eins und Schritt zwei etwas fehlt.
Eine Anforderungsliste ohne Reihenfolge lässt offen, was passiert, wenn das Budget nicht für alles reicht. Sie sagt nicht, welche zwei Anforderungen sich widersprechen, wenn man sie beide ernst nimmt. Und sie enthält fast nie das, wonach niemand gefragt hat: rechtliche Vorgaben, Schnittstellen zu Systemen, die Daten liefern müssen, die Frage, welches beteiligte System auf einer Version läuft, die aus der Wartung fällt.
Genau diese Punkte erzeugen später die Nachträge. Nicht, weil ein Anbieter sie versteckt hätte, sondern weil sie in keinem Angebot standen — auf keiner Seite des Tisches.
Man merkt das Muster meist erst spät. Der erste Nachtrag wirkt wie ein Einzelfall, der dritte wie Pech mit dem Dienstleister. Dass die Ursache in einer Entscheidung liegt, die zwölf Monate zurückliegt und nie ausformuliert wurde, sieht von dort aus niemand mehr.
Was Entscheidungsreife bedeutet
Der Maßstab lässt sich in einen Satz fassen:
Ein Vorhaben ist entscheidungsreif, wenn Sie es ohne Hilfe Dritter erklären und intern vertreten können.
Das ist bewusst keine technische Definition. Sie fragt nicht, ob ein Konzept existiert oder ein Lastenheft geschrieben wurde, sondern ob eine bestimmte Person eine bestimmte Frage beantworten kann — vor der Geschäftsführung, vor dem Einkauf, vor dem Fachbereich, der nachher damit arbeiten soll.
Der Begriff ist nicht neu, und das ist der Grund, warum wir ihn verwenden. Entscheidungsreife ist im Geschäftsdeutsch eingeführt: Eine Vorlage geht in die Sitzung, wenn sie entscheidungsreif ist. Für IT-Vorhaben wird dieselbe Anforderung selten gestellt, obwohl die Beträge und die Laufzeiten dieselbe Größenordnung haben.
Bevor Sie ausschreiben, gibt es also einen Schritt, den fast niemand macht: die Entscheidung reif machen.
Vier Stufen, an denen Sie es selbst prüfen können
Reife ist kein Gefühl, sie lässt sich nachsehen. Vier Stufen reichen dafür. Sie können sie in einer halben Stunde für Ihr eigenes Vorhaben durchgehen, ohne mit jemandem zu sprechen.
Stufe 1: Sind die Anforderungen priorisiert?
Die Frage dahinter ist unbequem und deshalb wirksam: Wenn Sie nur die Hälfte davon bekommen könnten — welche Hälfte? Und würde Ihr Fachbereich, einzeln gefragt, dieselbe Reihenfolge nennen?
Eine Liste ohne Priorisierung macht jedes Angebot zu einer Schätzung, die Belastbarkeit vortäuscht. Fast niemand hat diese Reihenfolge, wenn wir das erste Mal darüber sprechen. Das ist der Regelfall und kein Versäumnis.
Stufe 2: Ist das Ungefragte aufgenommen?
Fünf Fragen, die selten in einer Anforderungsliste stehen und im Betrieb trotzdem bezahlt werden:
- Welche gesetzlichen oder Prüfanforderungen gelten für diesen Prozess?
- Welche anderen Systeme müssen Daten liefern oder empfangen?
- Wer hat datenschutzrechtlich draufgeschaut, und mit welchem Ergebnis?
- Welches der beteiligten Systeme läuft auf einer Version, die aus der Wartung läuft?
- Was sagt der Betriebsrat dazu, wenn dabei etwas erfasst wird?
Wenn Sie bei drei dieser fünf Fragen zögern, ist das die Stufe, an der Ihr Vorhaben heute steht.
Stufe 3: Steht fest, was nicht gebaut wird?
Diese Frage wird fast nie gestellt, und die Ratlosigkeit, die sie regelmäßig auslöst, ist der beste Beleg dafür, dass sie fehlt. Was soll ausdrücklich nicht Teil der Lösung sein? Was haben Sie im Vorfeld schon abgelehnt, und mit welcher Begründung?
Ein ausgeschlossener Umfang, der schriftlich mit Begründung festgehalten ist, verhindert zwei Dinge: die Funktion, die gebaut wird und die niemand benutzt, und die Diskussion darüber ein Jahr später, ob sie eigentlich beauftragt war.
Stufe 4: Können Sie den Weg selbst begründen?
Angenommen, Ihre Geschäftsführung fragt morgen nach dem Warum. Was antworten Sie — ohne die Präsentation des Anbieters aufzuschlagen?
Wer im Haus müsste diese Entscheidung außer Ihnen noch verstehen? Wenn die Antwort “niemand” lautet, ist das Vorhaben an eine einzelne Person gebunden. Das ist ein Risiko, das in keinem Angebot steht.
Wo Ihr Vorhaben heute steht, zeigen drei Fragen in zwei Minuten: Selbstcheck Entscheidungsreife. Der Check läuft vollständig in Ihrem Browser, es werden keine Daten übertragen.
Rote Stufen sind übrigens kein Alarmzeichen. Ein Vorhaben mit klarem Ziel, benanntem Verantwortlichen und drei offenen Reifestufen ist der Normalfall — und es ist ein gutes Vorhaben. Es ist nur noch nicht entscheidungsreif.
Wenn schon ein Angebot auf dem Tisch liegt
Für den Fall, dass Sie gerade ein Angebot bewerten sollen und kein Entwickler sind, gibt es eine Abkürzung. Drei Fragen, keine davon technisch:
- Wer wartet das in drei Jahren, und was kostet das?
- Was passiert, wenn sich die Menge verdoppelt?
- Was passiert, wenn Ihr Ansprechpartner beim Anbieter geht?
Die Antworten stehen selten im Angebot, und das ist der eigentliche Befund. Wenn Sie bei einer der drei hängenbleiben, ist nicht das Angebot schlecht — es beantwortet nur eine andere Frage als die, die Sie zu entscheiden haben.
Eine vierte Frage können Sie sich selbst stellen: Welche Zahl in diesem Angebot können Sie nicht erklären?
Was wir dafür anbieten — und was ausdrücklich nicht dazugehört
Aus diesen Beobachtungen ist eine eigene Leistung geworden: die Entscheidungsvorlage für IT-Vorhaben. Drei strukturierte Termine über zwei bis drei Wochen, per Microsoft Teams oder vor Ort. Am Ende steht ein schriftliches Dokument.
Dieses Dokument gehört Ihnen. Sie können damit intern entscheiden, Budget beantragen, eine Ausschreibung vorbereiten oder Ihren bestehenden Dienstleister beauftragen. Die Vorlage ist kein Anbieterwechsel — auch Ihr heutiger Partner kann damit sauberer arbeiten, weil er zum ersten Mal eine priorisierte Liste vor sich hat.
Ein Punkt daran kostet uns Geld, und er gehört trotzdem dazu: der ausdrücklich ausgeschlossene Umfang. Wer aufschreibt, was nicht gebaut wird, verkleinert das eigene Auftragsvolumen. Wir halten das für den Teil, der die Vorlage überhaupt erst brauchbar macht.
Was wir wo möglich mitdenken, ist Ihr Bestand. Was in Ihrem Microsoft 365 bereits lizenziert, freigegeben und datenschutzrechtlich bewertet ist, ist die günstigste Baustelle im Haus — dort gebaut, braucht es keine neue Freigabe und keinen zusätzlichen Auftragsverarbeiter. Wenn es danach an die Umsetzung geht, übernimmt das unser Team unter Softwareentwicklung und Kundenlösungen, den laufenden Betrieb die Kollegen aus den Managed Services.
Und eine Regel gilt vorher: Ich schreibe kein Angebot, bevor Sie die Entscheidung selbst erklären können. Das ist der Satz, mit dem bei uns jedes Erstgespräch beginnt.
Häufig gestellte Fragen
Ist das nicht einfach ein bezahlter Vertriebstermin?
Ein berechtigter Verdacht, und die Antwort steht im Ergebnis: Das Dokument gehört Ihnen und ist ohne uns verwendbar. Sie können damit zu einem anderen Anbieter gehen — das ist ein vorgesehener Ausgang, kein Missbrauch.
Wir haben einen Dienstleister, mit dem wir zufrieden sind. Passt das zusammen?
Ja, und das ist eher der Regelfall als die Ausnahme. Die Vorlage beschreibt, was gebraucht wird und in welcher Reihenfolge — wer es baut, ist eine getrennte Entscheidung, die Sie treffen.
Wir haben doch schon Anforderungen aufgeschrieben. Reicht das nicht?
Das ist eine gute Ausgangslage und der Grund, warum der erste Termin dann kürzer wird. Die Arbeit liegt meist nicht im Sammeln, sondern im Priorisieren und im Ergänzen dessen, wonach niemand gefragt hat.
Was kostet das?
Das besprechen wir im Erstgespräch, weil es vom Umfang des Vorhabens abhängt. Bei einer anschließenden Beauftragung wird der Betrag angerechnet.
Fazit: reif ist eine Entscheidung, wenn Sie sie allein vertreten können
Ein IT-Projekt sollte nicht mit der Umsetzung beginnen, sondern mit Klarheit. Die vier Stufen oben sind kein Formalismus, sondern die Punkte, an denen später die Nachträge entstehen — Priorisierung, das Ungefragte, der ausgeschlossene Umfang und die Frage, ob Sie den Weg ohne fremde Hilfe erklären können.
Diese vier können Sie selbst prüfen, und wir empfehlen ausdrücklich, das zu tun, bevor Sie mit irgendjemandem sprechen. Wenn dabei mehr offen bleibt, als Ihnen lieb ist, ist das keine schlechte Nachricht. Es heißt, dass die Entscheidung noch vor Ihnen liegt und nicht hinter Ihnen.
Wenn Sie darüber sprechen wollen: Das Erstgespräch dauert 45 Minuten, kostet nichts und endet nicht mit einem Angebot. Wir stellen Fragen, Sie erzählen, und danach sagen wir beide, ob es weitergeht — zum Ablauf und zur Terminbuchung.
Über den Autor
Manuel Pieke ist Geschäftsführer der anouri GmbH, Software Architekt und Experte für Microsoft 365, Azure und Digitalisierung.
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